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Ein 1000 Jahre altes Rezept zeigt, wie Heilpflanzen effektiv in die moderne Medizin eingebunden werden könnten.

Bald’s Leechbook ist ein einzigartiges Dokument aus dem 10. Jahrhundert, von dem es nur ein Exemplar gibt, welches in der British Library aufbewahrt wird. Es enthält Anleitungen, wie man verschiedenste Krankheiten, unter anderem solche, die aus heutiger Sicht klar auf baketerielle Infektionen zurückzuführen sind, behandeln kann. Das hat die Aufmerksamkeit eines britischen Forscherteams erregt, welche das Rezept ‘Bald’s eyesalve’ (Bald’s Augenbalsam), das der Beschreibung nach wahrscheinlich für die Behandlung eines Gerstenkorns verwendet wurde, einer genaueren Untersuchung unterzog. Einem Gerstenkorn liegt meistens eine bakterielle Infektion zu Grunde, die oft durch Staphylococcus aureus verursacht wird.
 

Die Ergebnisse wurden 2015 in der Fachzeitschrift mBio veröffentlicht (Harrison et al 2015) und zeigten, dass das Mittel wiederholt Staphylococcus aureus in einem In-vitro-Modell abtötete. Nicht nur das, es war ebenfalls gegen sogenannte Biofilme wirksam. Biofilme sind Zusammenschlüsse von Bakterien, die eine schützende extrazelluläre Matrix produzieren und als besonders hartnäckig gelten, weil sie eine 100-1000 mal höhere Antibiotika Konzentration erfordern, um eine Beseitigung zu erreichen, als die gleichen Bakterien, die nur planktonisch (also einzelne und frei schwimmende Zellen) wachsen. Aber das wirklich erstaunliche Ergebnis war, dass sich diese Augenlotion auch als sehr wirksam gegen antibiotikaresistente S. aureus Bakterien (Methicillin resistente Staphylococcus aureus oder MRSA) in chronisch infiziertem Tiergewebe erwies.
 

Furner-Pardoe et al (2020) haben nun gezeigt, dass sich die bakterizide Aktivität von ‘Bald’s eyesalve’ auf eine Reihe von Gram-negativen und Gram-positiven Wundpathogenen in planktonischer Kultur erstreckt und, was entscheidend ist, dass diese Aktivität gegen problematische Bakterien wie Acinetobacter baumannii, Stenotrophomonas maltophilia, Staphylococcus aureus, Staphylococcus epidermidis und Streptococcus pyogenes auch in einem Wund-Biofilm-Modell erhalten bleibt.

Nun, was ist denn in diesem 1000 Jahre alten Rezept ‘Bald’s eyesalve’ drinnen, das es jeder modernen Behandlung von Bakterien überlegen ist? Die einzigen Zutaten sind gleiche Teile Knoblauch (Allium sativum) und eine andere Zwiebelart (wie z. B. die normale Haushaltszwiebel Allium cepa), gemischt mit gleichen Volumsteilen Gallensekret und Wein, die nach der Herstellung noch 9 Tage bei 4 Grad Celsius gelagert werden müssen (und nein, es muss nicht bei Vollmond gemischt werden). Das bemerkenswerte dabei ist, dass, obwohl alle vier Inhaltsstoffe antibakterielle Eigenschaften besitzen, kein einzelner Inhaltsstoff die Anti-Biofilm-Aktivität von ‘Bald’s eyesalve’ bewirkt. Nur durch die Kombination aller Inhaltsstoffe in der Gesamtmischung wird die erstaunliche Wirksamkeit des Mittels hervorgerufen (Furner-Pardoe et al 2020).
 

Dieses Beispiel zeigt deutlich, wieviel Erfahrung und Wissen unsere ‘Urahnen’ schon hatten, um die Heilkräfte, die in den verschiedenen Pflanzen stecken, zu aktivieren. Wie arrogant und unverantwortlich wäre es, dieses Wissen nicht zu nützen? In der EU/EEA starben 2015 schätzungsweise um die 33.000 Menschen an bakteriellen Infektionen, die nicht effektiv mit Antibiotika behandelt werden konnten (Cassini et al 2018). In den USA liegen die Zahlen nach dem Report der Centers for Diesease Control and Prevention (CDC) “Antibiotic Resistance Threats in the United States, 2019” bei 2.8 Millionen antibiotikaresistenten Infektionen an denen 2019 an die 35.000 Menschen starben. Die weitverbreitete Antibiotikaresistenz vieler Bakterien ist eines der großen Probleme unserer Zeit, dem die Schulmedizin recht hilflos gegenübersteht. Ist dies nicht ein perfektes Beispiel, wie altes Wissen in eine moderne Medizin zum Nutzen aller eingebunden werden kann?